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„Positive Verstärkung“ –
Der Verrat an der Natürlichkeit unserer Hunde.

Mich bewegt es immer mehr, mit anzusehen, wie Hunde unter dem Slogan der „positiven Verstärkung“ trainiert, dressiert und erzogen werden. Alles natürlich ohne Zwang und nur auf freiwilliger Basis. Aber eben nicht natürlich, denn eines fehlt: eine stabile Beziehung, die unseren Hunden die Sicherheit gibt, die ein Trick oder ein Kommando ihnen niemals geben kann.

Was bei aller positiver Erziehung übersehen wird ist folgendes: Hunde suchen und erwarten Grenzen, Regeln, eine Ordnung und jemanden, der diese verwaltet. Und dort, wo es Regeln gibt wird es auch jemanden geben, der sie hinterfragt. Nicht, um die Regel zu brechen, sondern um zu schauen, wie eindeutig sie ist. Daran ist nichts Schlimmes. Schlimm wird es für unsere Hunde, wenn der Mensch als Bezugsperson sich dieser Verantwortung entzieht und es dem Hund überlässt, wie er sich entscheiden will. Hunde finden es nicht schlimm, wenn eine Regel auch mal mit Frustration oder einer Einschränkung einhergeht. Und das Einhalten einer Regel muss auch nicht mit Futter oder anderen Verstärkern belohnt werden. Im Miteinander ist das Wissen darum, dass es jemanden gibt, der diese Regeln verwaltet und auch aufrecht erhält, für unsere Hunde Belohnung genug.

Der Verzicht auf primäre Verstärker wie Futter oder Spielzeug hat noch einen anderen, positiven Nebeneffekt – Ihr Hund nimmt Sie als Bezugsperson wieder wahr und nicht den Verstärker. Außerdem orientiert sich Ihr Hund dann wieder an Ihnen und nimmt Ihnen Entscheidungen auch wirklich ab. Warum müssen Sie sich mit einer Belohnung erkenntlich zeigen, wenn die Grenzen, die Sie ja letztlich zu seinem Wohl setzen, Ihre Aufgabe sind und Sie damit der Gruppe dienen? Wo ist die Belohnung für Sie, wenn Sie anderen klar machen, dass Ihre Hunde mit sich und Ihnen zufrieden sind und weder von anderen Menschen noch von anderen Hunden angefasst oder angespielt werden wollen?

Für viele Hundehalter ist es schon nahezu zum Zwang geworden, den richtigen Moment zu erwischen, in dem der Hund für sein richtiges Verhalten belohnt werden muss. Sie haben den Blick für die Natürlichkeit unserer Hunde komplett verloren und verfolgen nur noch die Anleitungen der Trainer, die Hundetraining nach Lerntheorie vermitteln. Ist es wichtiger, den Hund in einem stressfreien Zustand zu halten, da er sonst nicht lernen kann, als jetzt und hier eine klare Entscheidung zu treffen, die unter Umständen auch eine Einschränkung bedeuten kann?

Meiner Vorstellung einer Mensch-Hund-Beziehung liegt ein anderes Bild zugrunde. Dieses Bild ist nicht alleine geprägt von meinem Fachwissen hinsichtlich Ausdruck- und Kommunikationsverhalten von Hunden. In vielen Bereichen meiner Arbeit löse ich mich davon, dass es sich um Hunde handelt und nenne sie eher Gruppen- oder Familienmitglieder, die genau wie unsere Kinder nur dann Halt finden, wenn ihnen die Erwachsenen verbindliche Entscheidungen vorleben. Dazu gehört ein Nein ebenso wie die darauf folgende Frustration. Beide müssen nicht wieder gut gemacht werden, da sie nicht schlecht sind. Es erscheint auf den ersten Blick paradox – die Grenzen sind die Belohnung!

Hunde suchen nicht nach Belohnungen, sondern nach Stabilität und Verbindlichkeit. Das ist ein großer Teil ihrer Natur. Eine Kommunikation, die darauf basiert, bringt den Hund wieder zurück in seine Natürlichkeit. Viele Hunde, mit denen ich arbeite, sind nach unzähligen Trainingseinheiten in Hundeschulen, die sich dem Weg der positiven Verstärkung verschrieben haben, gar nicht mehr in der Lage, natürlich mit dem Menschen zu kommunizieren. Es würde ihnen auch nichts bringen, denn ihre Menschen sind ja gar nicht in der Lage, dieses Gespräch mit ihnen zu führen. Während der Hund fragt, welche Regel von gestern heute noch gilt wartet der Halter auf ein erwünschtes Verhalten, welches er dann bestätigt. Nur dass die Frage des Hundes, wer denn nun die Verantwortung für die Gruppe übernimmt, bis dahin verklungen ist und der Hund es irgendwann einfach aufgibt, seinen Menschen zu fragen. Das nennen Menschen dann ‚fehlende Aufmerksamkeit‘, die aber trainiert werden kann. Natürlich mit Hilfe positiver Verstärkung, denn der Hund soll ja gerne schauen, nicht dazu gezwungen werden. So beginnt der Teufelskreis von vorne.

Finden Sie heraus, wer Ihr Hund hinter aller Lerntheorie, Erziehungszielen und Trainingsplänen wirklich ist! Beginnen Sie, mit ihm in Kontakt zu treten. Nehmen Sie die natürlichen, sozialen Bedürfnisse Ihrer Hunde wahr und fragen Sie sich, wie weit Sie ihm gestatten, diese zu befriedigen. Ihr Hund liefert Ihnen die Informationen, die Sie dafür brauchen. Legen Sie das Futter zur Seite, nehmen Sie sich einen Moment Zeit und schauen Sie hin – Sie leben mit einem Wesen, welches in der Lage ist, in hochkomplexen Sozialstrukturen zu leben. Nutzen Sie seine Fähigkeiten und öffnen Sie sich für seine und Ihre eigene Natürlichkeit. Die finden Sie allerdings nicht in Trainingsplänen und Lerntheorien. Die finden Sie nur, wenn Sie gewillt sind, zur Quelle zurück zu kehren – die liegt in Ihrem Hund und in Ihnen selbst.

In Kategorie: Allgemein, Reflexion

Über den Autor

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Hallo, ich bin Mirko. Ich schreibe auf diesem Blog über Menschen, ihre Hunde und das Leitwolf Training. Hunde sind für mich Lehrer, die uns etwas über das Leben erzählen. Wir müssen nur lernen, Ihnen zu zuhören.

13 Kommentare

  1. Sandra Schuler

    Danke Mirko für die klaren Worte. Mit meinem Labrador x Husky mix musste ich genau diesen Weg gehen. Mein Labrador-Husky Rüde kam zu uns mit ca 1 jährig. (Ehemaliger Strassenhund ohne Prägung und Sozialisation)
    .. nett gemeinte Bestärkung half aber erst eine klare Kommunikation und Rudelführung brachte den richtigen Erfolg. Heute kann ich nur sagen.. Leckerlis sind gut zwischen durch , aber ich bin keine Futterausgabestelle.. Sicherheit, Zuneigung, gemeinsames „Jagen“ der Beute (Futterbeutel )sind heute unsere „gemeinsamen“ Ziele.

  2. Robert Muttenhammer

    Diesen Artikel werde ich umgehend an meine Welpenbesitzer weitergeben, damit sie wissen warum ich Ihnen genau das Vermittel und alle Welpen kostenfrei trainiere und das ein Lebenlang!!!! Hunde müssen kaum etwas lernen, denn sie müssen nur verstehen aber der Mensch muss lernen, sehr viel lernen.
    Diese angebliche schwarz/weiß sehen ist für einen Hund ganz normal aber der Mensch muss alles ausschmücken und leider ist die Leckerchen-Fraktion nicht in der Lage zu begreifen das Menschen nicht als Futterspender dienen sondern als „Familie, Rudel, Gruppe ect.“!
    Wir hätten in unserer Gesellschaft selten ein Problem mit Hunden, wenn sie unsere Körpersprache so gut verstehen würden wie ihnen beigebracht wird das in jeder Tasche eine Beleohnung versteckt ist für ein fraghaltiges Verhalten wie im Zirkus.

    Macht weiter so und hoffen wir das keine Alliens auf die Erde kommen und wir unsere fragliche Methode zur kommunikation auch bei Ihnen benutzen 😀

  3. Christiane Hesse

    Kleine Korrektur: Mensch und Hund lernen am besten, wenn ein gewisses Maß an Stress besteht und nicht bei kompletter Stressfreiheit. Zuletzt erwähnt von Gansloßer in irgendeinem Seminar im letzten Jahr.

    Irgendwie auch logisch. Wenn ich komplett „gechillt“ bin, will ich alles Mögliche, aber nicht lernen. Für einen Lernerfolg braucht es eine gewisse „Grundspannung“.

    • Hallo Christiane,

      So ist es im text auch gemeint, etwas missverständlich ausgedrückt an der Stelle ;-).

      Herzliche Grüße,

      Mirko

  4. Angela Behdau

    Es spricht mir aus der Seele! Doch auch in der Kindererziehung ist dieser natürliche Umgang leider dem ein oder anderen verloren gegangen…

  5. Almut

    Warum immer so schwarz – weiß? Das eine schließt das andere ja nicht aus. Positiv zu arbeiten heißt nicht, keine Grenzen zu setzen, nicht vorhersehbar zu sein und keine Sicherheit zu geben. Warum werden diese Dinge immer gleichgesetzt? Abgesehen davon heißt belohnungsmotiviert zu arbeiten nicht, den Hund ständig mit Leckerlies voll zu stopfen. Belohnen kann man auf vielerlei Arten, auch durch Stabilität, Sicherheit und Vertrauen.

    • Weil schwarz-weiß helfen kann, sich Dingen bewusst zu werden und eine Entscheidung zu treffen, wie man mit seinem Hund leben will.

      Liebe Grüße,

      Mirko

  6. Klaus Schwanitz

    Und genau deshalb bin ich Leitwolf-Trainer und kein „Hundetrainer“ geworden.

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